Montag, 16. Februar 2009

BER Seminar zu nicht-rassistischer entwicklungspolitischer Bildungs- und Projektarbeit

Der Berliner entwicklungspolitische Ratschlag (BER) veranstaltet demnächst wieder eines seiner renommierten Seminare zur antirassistischen Praxis für entwicklungspolitische Arbeit: "Von Trommlern und Helfern - Antirassistische Praxis für entwicklungspolitische NRO" (24./25.4.09; Tagungsort: Berlin). Seit heute gibts eine Ausschreibung zu dem Seminar, würde mich aber nicht wundern wenn es ziemlich schnell ausgebucht ist (gibt nämlich nur 15 Plätze). Aus dem Ausschreibungstext:

"Was hat Entwicklungszusammenarbeit mit Rassismus zu tun? Erst recht mit der Arbeit von entwicklungspolitischen Nichtregierungsorganisationen (NRO)? Auch sie agieren in einem strukturellen Kontext, der seit dem Beginn des Kolonialismus den Hintergrund der Nord-Süd-Zusammenarbeit bildet. So finden sich auch heute noch in den Strukturen, die die Grundlage von Entwicklungszusammenarbeit bilden, Abhängigkeiten und Ungleichgewichte, die permanent reproduziert werden. Diese Strukturen sind für die praktische Arbeit auch von NRO so selbstverständlich, dass der darin zu findende strukturelle Rassismus meist unsichtbar ist."

Hier gibts weitere Informationen zum Seminar.

Zudem ist im Februar 2009 die dritte Auflage der überaus lesenswerten Broschüre "Von Trommlern und Helfern" erschienen. In dem Kontext fällt mir auf, dass ich anscheinend nie meine Rezension zu dieser Publikation fertig geschrieben habe... Ist wohl irgendwie im letzten Frühjahr untergegangen. Kurze Zusammenfassung (wenn ich mich recht erinnere): Die Broschüre bringt viele verschiedene Aspekte von Rassismus auf, die in der entwicklungspolitischen Arbeit leider viel zu selten thematisiert werden, oft sogar vermieden werden thematisiert zu werden. Leider schafft es die Broschüre aber nicht, eine Abgrenzung zu anderen Formen der Diskriminierung herzustellen (wie z.B. zu allgemeinem Paternalismus). Für EntwicklungspolitikerInnen und für EZlerInnen ist diese Broschüre allerdings dennoch ein absolutes Muss!

Ist übrigens spannend zur Zeit hier im Bénin zu sehen, wie Rassismus in der entwicklungspolitischen Praxis und im sozialen Leben gesehen wird. Hab sogar schon KollegInnen hier getroffen, die auch die BER-Broschüre kannten. Ergo: Kaufen und Lesen!

Sonntag, 15. Februar 2009

Debatten über die Auswirkungen der Finanzkrise auf Entwicklungsländer

Diese Woche gabs ja im AwZ eine Anhörung zur Frage, inwieweit die globale Finanzkrise Entwicklungs- und Schwellenländer treffen wird - will aber gar nicht viele Worte darüber verlieren, da Rainer Falk die Debatte schon recht gut zusammengefasst hat (Finanzkrise: dramatische Auswirkungen im Süden). Vielmehr will ich lieber auf ein interessantes Debattenportal bei voxeu.org (ein Policy Portal des CEPR) verweisen, das ich gerade erste enteckt habe (die Debatte läuft schon seit 28.1.09): Global Crises Debate. Ziel ist es dabei: "1) To broaden the discussion into a truly global debate, and 2) To make the Global Crisis Debate the dominant intellectual forum on the crisis."

Moderiert wird die Debatte von einigen Ökonomen, von denen ich aber nur Dani Rodrik kenne. Gibt aber auch schon Debattenbeiträge von Jeffrey Sachs und Simon J. Evenett. Kann man mal ein wenig querlesen, ist ganz spannend. Angeblich soll die Debatte sogar in den Policy-Prozess eingespeist werden... : "The analysis and proposals that appear on Vox's "Global Crisis Debate" page will feed directly into the UK's preparation for the April summit of world leaders in London. This debate will be featured on the UK government's own web site, LondonSummit.gov.uk."

Zum selben Thema gibt es auch eine umfassende Dokumentation der Tagung von InWEnt, BMZ und DIE "Effects of the Global Financial Crisis on Developing Countries and Emerging Markets", die Mitte Dezember in Berlin stattfand. Beim Suchen habe ich gerade auch einen interessanten Blogbeitrag von SID-Hamburg gefunden, der einige weitere gute Links enthält ("Finanzkrise: Hunger und Armut nehmen zu").

Gentechnikeinsatz in der westafrikanischen Baumwollproduktion

In der aktuellen deutschen Ausgabe der Le monde Diplomatique (13.2.09) ist ein interessanter, auch wenn recht tendenziöser, Artikel zum Anbau gentechnisch veränderter Baumwolle in Burkina Faso: "Testgelände für Monsanto - Burkina Faso hat gegen den Willen der Baumwollproduzenten genmanipuliertes Saatgut bestellt" von Françoise Gérar (den Bericht gibts anscheinend leider nicht online). Spannend sind dabei vor allem die Aushandlungsprozesse zwischen den unterschiedlichen Akteursinteressen.

Hier im Bénin gibt es aktuell ein Moratorium für GVO Baumwolle – aber klar ist auch: Kontamination kennt keine Staatsgrenzen.

Samstag, 14. Februar 2009

Vermarktungsprozesse von Baumwolle im Bénin

Auch wenn die aktuellen Vermarktungsprozesse von Baumwolle hier im Bénin keine Besonderheit darstellen, sind diese Abläufe in Europa doch weitgehend unbekannt. Daher fasse ich das hier mal fix zusammen - vielleicht interessierts ja doch die eine oder den anderen.

Zunächst aber vielleicht noch ein kurzer Abriss zum Baumwollanbau selbst: Die Saison („Campagne“) beginnt immer im März-Mai mit dem Einkauf der Samen, die Feldarbeit beginnt im Mai/Juni; "culture attelée", also Einsatz von Ochsen wird leider nur (noch) selten praktiziert, da sich nur wenige Bauern Zugtiere leisten können (wichtiger Hebel für wirtschaftliche Entwicklung!). In den folgenden Monaten gibts diverse Reihenfolgen von Unkraut jäten, Dünger- und Pestizideinsatz (wobei insb. eine spezielle Methode zum reduzierten Einsatz dieser Mittel immer mehr verwendet wird, sog. "Lutte Etagée Ciblée").

Nun zum aktuellen Vermarktungsprozess: Die Ernte der Baumwolle findet hauptsächlich im November/Dezember statt, doch auch heute findet man noch einzelne Felder, die gerade erst abgeerntet werden. Die Baumwolle wird zunächst auf lokalen Märkten zusammengetragen, die von sog. bäuerlichen Kontaktgruppen (GPC) verwaltet werden (wie im Bild zu sehen, werden diese teilweise eingezäunt, um die Baumwolle vor Tieren zu schützen). Die Baumwolle der einzelnen Produzenten wird dabei auf separaten Haufen gelagert und nach und nach abgewogen (teilweise bilden sich auch Solidaritätsgemeinschaften). Externe PrüferInnen kommen zu den Märkten und bewerten die Qualität der Baumwolle (gibt aber nur zwei Kategorien … – tricky Debatte).

Mit Hilfe von Lastwägen wird die Baumwolle darauf zu Entkernungsfabriken gefahren, wobei es manchmal ganz schön abenteuerlich ist, welche Wege dabei zurückgelegt werden müssen, da die Sandpisten meist schlecht präpariert sind. In den Fabriken werden die Baumwollfasern von den Kernen getrennt und für den Verkauf (meist für den Export) verpackt.

Sieht natürlich oberflächlich gesehen recht einfach aus, in der Praxis stecken da natürlich mannigfaltige soziokulturelle und wirtschaftliche Prozesse dahinter: insbesondere der Zugang zu Saatgut/Düngemittel/Pestiziden/Krediten, Wissen und Kapital für diverse Anbaumethoden, bäuerliche „Personalplanung“, aber auch rechtliche Hilfsmittel (Verträge), Qualitätsprüfungsstrukturen, ggf. Zertifizierungssysteme. Abgesehen davon, dass für diese Prozesse meist viele verschiedene staatliche und nichtsstaatliche Akteure an einem Strang ziehen müssen.

Diese Woche haben wir die Planung der zweiten Projektphase für „Cotton made in Africa“ abgeschlossen. Da wurden mit den Partnern auch noch mal alle einzelnen, ich sag mal „Baumwoll-Governance-Baustellen“ durchgeackert (CmiA ist ja auch ein PPP). Muss sagen, dass ich nen mega Respekt habe vor der Arbeitsleistung meiner Kollegen habe: die haben die letzten Wochen echt ohne Ende geackert (ein gutes Beispiel, dass die deutsche EZ gar nicht mehr so sehr auf internationale Experts angewiesen ist). Nun steht demnächst die offizielle Eröffnung der zweiten Projektphase für CmiA an.

Merkels Vorschlag für einen VN-Weltwirtschaftsrat findet leider wenig Zuspruch

Gut, auch Merkels Vorschlag für einen Weltwirtschaftsrat innerhalb der Vereinten Nationen ist mehr als vage und die Details der Umsetzung blieben abzuwarten, um diesen Vorschlag in seiner Gänze bewerten zu können. Nichtsdestotrotz birgt dieser Vorschlag einiges an positivem Potential zur Weiterarbeit an zentralen Baustellen der Global Governance, das es sowohl interministeriell wie international durch weitere Elaborierung zu nutzen gilt.

Anfang Februar hat sich unsere Kanzlerin mit den Präsidenten der Weltbank, IWF, WTO, ILO und OECD getroffen, wobei zwar auch Merkels Vorschlag eines UN-Weltwirtschaftsrates diskutiert und doch klar abgelehnt wurde (Handelsblatt 6.2.: Steinmeier gegen Merkels "Weltwirtschaftsrat"; FTD 6.2.: Merkels Weltwirtschaftsrat abgeblitzt). Dass die etablierten Global Economic Governance Institutionen einen VN-Weltwirtschaftsrat ablehnen ist wenig überraschend angesichts der Tatsache, dass ihre Einflussnahme auf diesen Rat wohl sehr begrenzt wäre. Vielmehr würde wohl ihre eigene Bedeutung mit der Einführung eines derartigen Rates schwinden. Dass aber zur selben Zeit auch das AA quergeschossen hat finde ich schon sehr bezeichnend. Ist es mangelndes Interesse an der Weiterentwicklung eines multilateralen Governance-Systems auf Basis der Vereinten Nationen? Oder gar ein schöner Mediengag des SPD Kanzlerkandidaten, um Merkels Außenpolitik zu diskreditieren? Bin leider gerade im Bénin zu weit weg, um das angemessen verfolgen zu können. Somit wird es wohl leider nur zu einer netten Charta „wirtschaftlicher Prinzipien“ reichen. Zum Vorschlag einer ECOSOC-Reform gabs auch auf dem Fachgespräch zu Entwicklungsfinanzierung Anfang Dez. 08 in Berlin ein spannendes Panel (hierzu gibts zumindest nen Kurzbericht).

Zuletzt berichtete nun die FAZ am 12.2., dass die britische Regierung für das anstehende G-20 Treffen „eine ehrgeizige Agenda plane“ (FAZ 12.2.09) und wohl auch Klima- und Energiepolitik auf die Tagesordnung gesetzt werden sollen. Damit wird sich die G-20 wohl weiter als wichtiges Element der Global Governance für die Nahe Zukunft etablieren (wenn es formell auch nur informell ist). Wird spannend sein, wie sich das Agenda-Setting der G-20 auf die derzeitige italienische Präsidentschaft der G8 auswirken wird (z.B. 13./14.2. G7-Finanzministertreffen in Rom).