Dieses Buch des Inders Amartya Sen (Prof. an der Harvard University und Träger des Nobelpreises für Ökonomie) ist ein bedeutendes Werk der aktuellen Entwicklungstheorie. Auch wenn Sen im Grunde keine neuen Thesen aufstellt, führt er jedoch einige progressive Entwicklungsideen zusammen und trägt diese in den Mainstream entwicklungspolitischer Diskurse. Das Buch gibt es auch in einer deutschen Version mit dem Titel: „Ökonomie für den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft“. Ich rate jedoch das Buch im Original auf Englisch zu lesen, da die Übersetzung einiger zentraler Termini von Sens Ansatz nicht so einfach erscheinen (s.u.).
Die zentrale These des Buches ist, dass Entwicklung nicht mehr alleine als Wachstum von Einkommen definiert werden sollte, sondern vielmehr als die Erweiterung ("expansion") von Freiheiten des Individuums (S. 36). Sen nennt hierbei fünf verschiedene Typen von instrumenteller Freiheit, die alle auf verschiedene Weise miteinander verlinkt sind und im gesamten betrachtet werden müssen (S. 10): (1) politische Freiheiten, (2) ökonomische Möglichkeiten, (3) soziale Chancen, (4) Transparenz und (5) geschützte Sicherheit. Ein zentraler Begriff ist dabei die „Capability“ (ca. „Fähigkeiten“), die als substantive Freiheit angesehen wird, alternative Kombinationen von Funktionen (“functioning combinations”) zu erreichen, wie zum Beispiel verschiedene Lebensstile (S. 74). Rein logisch ergibt sich somit auch eine neue Definition von Armut: anstatt Mangel an Einkommen, bedeutet Armut bei Sen vielmehr Mangel an Capabilities. Der Ansatz eines freiheitszentrierten Verständnisses von Entwicklung ist ein breiter und inklusiver Ansatz der Interdependenzen unterschiedlicher Freiheiten (S. 7) und beinhaltet eine sehr starke Akteursorientierung (S. 11.).
Nach den vier einleitenden Kapiteln beschreibt Sen in den folgenden Kapiteln jeweils weitere Aspekte und Interdependenzen von (Un-)Freiheiten: Verhältnis Markt/Staat, Bedeutung der Demokratie, Hungersnöte, Agency von Frauen, Bevölkerungswachstum/Ernährung und Kultur/Menschenrechte. In den letzten beiden Kapiteln geht er dann auf das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft ein: Die Menschen haben selbst die Verantwortung für ihre “Entwicklung” und können die Welt so ändern, wie sie es selbst wünschen. Die soziale Verpflichtung für individuelle Freiheit funktioniert dabei nicht allein durch den Staat, sondern involviert auch viele andere soziale Institutionen wie “political and social organisations, community-based arrangements, non-governmental agencies of various kinds, the media and other means of public understanding and communication, and the institutions that allow the functioning of markets and contractual relations.” (S. 284).
Meiner Meinung nach hat Sen sein Buch sehr gut strukturiert und er hat von Beginn an sein zentrales Anliegen sehr genau definiert, was ich sehr schätze ( auch wenn Prof. Jost W. Kamer das in seiner Rezension zur deutschen Version des Buches anders sieht). Etwas zäh wirken zwar teilweise die häufigen Wiederholungen der Beispiele, jedoch scheint Sen diese umfassend recherchiert zu haben. Mit diesem Buch verlässt Amartya Sen zwar nicht den offiziellen Entwicklungsdiskurs, kritisiert ihn jedoch an seiner vorwiegend ökonomischen Fokussierung und in seiner tendenziell bevormundenden Ausrichtung, in der es den betroffenen Menschen selbst verwehrt wird, sich darüber zu äußern welche Freiheiten sie überhaupt wünschen. Meiner Ansicht nach ist also dieses Buch ein "Muss" für alle, die behaupten sich mit "Entwicklungszusammenarbeit" zu beschäftigen.
Sen, Amartya (2000): Development as Freedom. New Delhi: Oxford University Press; 2000 - 384 S. - 14,99 €, ISBN: 978-0385720274

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